Mittwoch, 2. Oktober 2019

Kann eine Cover-Version mehr als ein Original haben?

Auf den ersten Blick eine triviale Frage, die man im ersten Impuls mit einem glatten „Nein“ beantworten würde. Das Original gibt es nur einmal. Man kann sich drüber streiten, welcher Song als erster erschienen ist, aber der ist dann das Original.

So weit, so einfach – aber leider ist es in der Musikwelt nicht so simpel. Das beste Beispiel, das uns in der Redaktion derzeit Kopfzerbrechen bereitet, sind die sogenannten „Sanremo-Fälle“ in unserer Datenbank. Beim Festival von Sanremo, das von vornherein als Komponisten- und nicht als Interpretenwettbewerb ausgerichtet wurde, war es in den Anfangsjahrzehnten üblich, dass ein Song jeweils von zwei verschiedenen Künstlern dem Publikum und der Jury dargeboten wurde. Ausgezeichnet wurden der Komponist und der Song, und damit beide Interpreten.

Viele Songs des Festivals – und nicht nur die Siegertitel – wurden Welthits und somit natürlich auch vielfach gecovert. Das bringt für uns nun natürlich das Dilemma, dass wir nicht genau festlegen können, welcher Interpret das Original gesungen hat. Bisher haben wir uns vor dieser Entscheidung gedrückt, zumal die alte Version unserer Datenbank nur unter größten Schwierigkeiten zwei Originale für Cover-Versionen zugelassen hätte. Also stehen diese derzeit 344 „Sanremo-Fälle“ ohne direkt zugeordneten Interpreten in der Datenbank und erst im Kommentar werden die beiden Künstler genannt.

Theoretisch denkbar wäre, zwei Originale zuzulassen, aber wollen wir das auch? Vom Grundsatz her nicht, aber wir versuchen natürlich eine praktikable Lösung zu finden. Wir sind schon auf den Gedanken gekommen, den Song, der beim Festival als erster aufgeführt wurde, zum Original und seine Zweitaufführung mit dem anderen Künstler zum Cover zu machen. Aber leider geben die im Netz verfügbaren Quellen keine sicheren Informationen, in welcher Reihenfolge die Songs dargeboten wurden.

Daher unsere Frage an alle Musikfreunde, die unsere Seite kennen und nutzen: Was meint Ihr zu dem Gedanken, dass es zwei Originale geben könnte? Oder sollen wir am bisherigen strikten Grundsatz festhalten und einfach ein Original bestimmen? Gibt es unter Euch jemanden, der zum Sanremo-Festival nähere Informationen hat; jemanden, der vielleicht Quellen kennt, welche die Reihenfolge der Auftritte dokumentieren?

Die „Sanremo-Fälle“ sind nicht die einzigen, die uns mitunter ins Grübeln bringen. Im Disney-Zeichentrickfilm „Aladdin“ wird der Song „A Whole New World“ im Verlauf der Handlung durch Lea Salonga und Brad Kane interpretiert. Aber er wird noch ein zweites Mal gespielt, und zwar am Ende des Films während der gesamten Zeit des Abspanns. Nur dass dieses Mal Peabo Bryson und Regina Belle die Künstler sind. In diesem Fall fiel es uns nach kurzer Diskussion relativ leicht, die Version mit Lea Salonga und Brad Kane als Original einzutragen, da ihre Interpretation im Film vor Peabo Bryson und Regina Belle gespielt wird. Das Soundtrack-Album mit beiden Songs erschien nach der Filmpremiere und damit gab es auch einen Tonträger für die Cover-Version.

Lustig wird es, wenn das Soundtrack-Album vor der Filmpremiere erscheint und auch das gibt es, sogar mit der ähnlichen Konstellation einer Doppel-Interpretation. Im Disney-Zeichentrickfilm „The Lion King“ gibt es den Song „Can You Feel The Love Tonight“ interpretiert von einem ganzen Ensemble von Sängerinnen und Sängern.

Nun kam das Soundtrack-Album am 31. Mai 1994 in den Handel, die Filmpremiere war aber erst am 15. Juni 1994. Damit zählt für uns natürlich das Album als der Tonträger für den Original-Song. Problematisch ist nur, dass sowohl auf dem Album als auch im Film der Song ein zweites Mal erscheint, auch wieder während des Abspanns. Dieses Mal gesungen von Elton John zusammen mit einer anderen Gruppe von Interpreten.

Da das Album zuerst erschienen ist, können wir ja nun nicht sagen: Im Film läuft der Song am Ende, also ist dieser die Cover-Version. Es kann ja jemand mit Leichtigkeit von der CD zuerst den letzten Song anspielen und so den letzten Track zuerst hören. In diesem Fall haben wir aber das „Glück“, dass die Version mit Elton John den Titel „Can You Feel The Love Tonight (End Title)“ trägt; somit ist es für uns wirklich eine Cover-Version, auch wenn sie auf demselben Tonträger ist. Und wie so viele Cover-Versionen hat auch diese das Original an Popularität überholt.

Liebe Musikfreunde, dieser kleine Exkurs sollte nur einmal verdeutlichen, dass es nicht immer so einfach ist festzulegen, was Original und was Cover-Version ist. Aber unsere Frage an die COVER.INFO Community bleibt: Könnt Ihr uns in Bezug auf die „Sanremo-Fälle“ mit Informationen helfen? Wie ist Eure Meinung zu dem Ansatz, einen Cover-Song auf zwei Originale zurückzuführen?

Wir hoffen auf ein zahlreiches Feedback, Platz für Kommentare zu diesem Artikel ist ausreichend vorhanden.
/AME

Dienstag, 6. August 2019

Katy Perry muss Schadensersatz in Millionenhöhe zahlen

2,7 Millionen Dollar Schadensersatz sprach ein Gericht in Los Angeles dem Rapper Marcus Gray a.k.a. Flame zu, weil Katy Perry 2013 in ihrem Song "Dark Horse" ein Element aus seinem "Joyful Noise" von 2008 verwendet hat. 31 Millionen Dollar soll die Plattenfirma, 3,2 Millionen Dollar Katy Perry an dem Nummer-1-Hit verdient haben. Davon müssen die Plattenfirma nun 1,2 Millionen, Katy Perry 0,55 Millionen Dollar bezahlen, den Rest müssen weitere Partner übernehmen.

In dem seit 2014 dauernden Rechtsstreit kam die Jury zu dem Ergebnis, dass der kopierte Beat ein eigenständiges Werk sei, wohingegen Perrys Anwältin dem Beat die nötige Schöpfungshöhe abgesprochen hatte. Perry hatte bestritten, den Song gekannt zu haben. (Quelle)
/TWA

Dienstag, 30. Juli 2019

Europäischer Gerichtshof: Sampeln erlaubt bei fehlender Erkennbarkeit beim Hören

Es gibt wieder einmal ein neues Urteil in dem lange währenden Streit um das Sample in Sabrina Setlurs Song "Nur mir", der 1997 von Moses Pelham produziert wurde. Wir berichten bereits seit 2008 über den Fall. Diesmal hat kein geringerer als der Europäische Gerichtshof entschieden, nachdem der deutsche Bundesgerichtshof ihm einige Fragen zur Auslegung der Urheberrechtsrichtlinie (Richtlinie 2001/29) vorgelegt hatte.

Mitglieder der deutschen Electro-Band Kraftwerk hatten geklagt, weil Pelham etwa zwei Sekunden einer Rhythmussequenz aus dem Titel "Metall auf Metall" gesampelt und dem Titel "Nur mir" in fortlaufender Wiederholung unterlegt hatte, obwohl es ihm möglich gewesen wäre, die übernommene Rhythmussequenz selbst einzuspielen. Sie sind der Auffassung, dass Pelham ihr Leistungsschutzrecht als Tonträgerhersteller verletzt habe. Kraftwerk verlangte Unterlassung, Schadensersatz, Auskunftserteilung und Herausgabe der Tonträger zum Zweck ihrer Vernichtung.

Der Europäische Gerichtshof (29. Juli 2019, C-476/17) stellte fest, dass die Vervielfältigung eines – auch nur sehr kurzen – Audiofragments eines Tonträgers durch einen Nutzer grundsätzlich als eine "teilweise" Vervielfältigung dieses Tonträgers anzusehen sei und somit dem Recht des Tonträgerherstellers unterfalle. Entnimmt jedoch ein Nutzer in Ausübung der Kunstfreiheit einem Tonträger ein Audiofragment, um es in geänderter und beim Hören nicht wiedererkennbarer Form in einem neuen Werk zu nutzen, stellt nach Auffassung des Gerichtshofs eine solche Nutzung keine Vervielfältigung des Tonträgers dar.

Die Technik des elektronischen Kopierens von Audiofragmenten (Sampling), bei der ein Nutzer – zumeist mit Hilfe elektronischer Geräte – einem Tonträger ein Audiofragment entnimmt und dieses zur Schaffung eines neuen Werks nutzt, sei laut dem Gerichtshof eine künstlerische Ausdrucksform, die unter die Freiheit der Kunst falle. Der Gerichtshof begründet seine Abwägung zugunsten der Kunstfreiheit nachvollziehbar damit, dass die entgegenstehende Auslegung es dem Tonträgerhersteller insbesondere ermöglichen würde, sich dagegen zu wehren, dass ein Dritter zum Zweck des künstlerischen Schaffens ein – auch nur sehr kurzes – Audiofragment aus seinem Tonträger entnimmt, obwohl eine solche Entnahme ihm nicht die Möglichkeit nimmt, einen zufriedenstellenden Ertrag aus seinen Investitionen zu erzielen. Mit anderen Worten: Nur weil ein Song kurz gesampelt wird, führt das ja nicht dazu, dass niemand mehr den Ursprungs-Song kaufen möchte.

In Ausübung der Kunstfreiheit dürfe man deshalb bei der Schaffung eines neuen Werks einem Tonträger ein Audiofragment (Sample) entnehmen und es so ändern, dass es im neuen Werk beim Hören nicht wiedererkennbar ist.

Außerdem stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass das im deutschen Urheberrecht (§ 24 UrhG) geregelte Recht, ein selbständiges Werk in freier Benutzung des Werkes eines anderen zu schaffen und ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes zu veröffentlichen und zu verwerten, gegen die Richtlinie verstößt, weil es sich um keine in der Richtlinie zugelassene Ausnahme vom Urheberrecht handle. Auf die entsprechende Vorschrift des deutschen Urheberrechts konnte sich Pelham daher nicht berufen.

Zudem stellte der Gerichtshof fest, dass die Vorschriften über Zitate auf solche Samples keine Anwendung finden, die in dem neuen Werk nicht zu erkennen sind.

Nun obliegt es dem Bundesgerichtshof, auf der Grundlage der vom Europäischen Gerichtshof beantworteten Fragen in dem Rechtsstreit eine Entscheidung zu treffen.
/TWA